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| Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
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Prosa der besonderen Art
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Rilkes "Malte" belegt mit Sicherheit einen Spitzenplatz in meiner persönlichen Bestenliste, ist eins der ganz wenigen Bücher, die ich zu zwei verschiedenen Zeiten meines Lebens mit gleicher wenn nicht gewachsener Begeisterung gelesen habe. Das erste Mal still und allein während des Studiums - es war eins meiner mündlichen Prüfungsthemen. Das zweite Mal etwa drei Jahrzehnte später zu dritt bei Kerzenschein im Kreis der Familie an den Abenden "zwischen den Jahren", bei denen es manchmal auch Nacht wurde. Zugegeben: die beiden anderen teilten nicht uneingeschränkt mein Hochgefühl, aber damit sind sie ja wirklich nicht allein, viele kommen mit dem Text noch weniger klar. Manche Leseerwartungen werden durchaus verletzt, wenn Lyriker sich an Prosa wagen, gerade Rilke macht es manchen schwer mit seiner assoziativen, impressionistischen oder meinetwegen surrealistischen Schreibweise bei den Aufzeichnungen. Einige neigen dann zu Sprüchen wie "Dichter, bleib bei deinen Versen..." Manchmal stimme ich selbst in sowas mit ein, aber nicht in diesem Fall. Ich schätze durchaus einige von Rilkes Gedichten, die mich aber nur in seltensten Fällen so eindringlich ansprechen wie die Aufzeichnungen des Malte. Gerade die Sensibilität des Lyrikers macht ihn so empfänglich für die Fülle von Sinneseindrücken in der Großstadt, denen er eine in sich ruhende Welt einer entfernten Kinderzeit gegenüberstellt um Halt zu finden - Rückblicke, die manchmal noch viel weiter in die Vergangenheit zurückgehen und so etwas wie Archetypen und Urbilder sichtbar machen, die die flutende Vielfalt der Großstadtszenen bannen können. Mitunter wird Rilkes "Malte" mit Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" verglichen: beide Autoren schreiben etwa zur gleichen Zeit, Paris ist der Hauptschauplatz, dem in beiden Fällen so etwas wie eine Kindheit auf dem Lande entgegengehalten wird. Ich habe Proust erst kürzlich gelesen, weiß also nicht, wie nachhaltig sein Monumentalwerk bei mir in Erinnerung bleiben wird. Aktuell betrachtet konnte es jedoch bestenfalls mit Rilkes Buch gleichziehen, braucht aber mindestens zehn Mal so viel Umfang und ergo Lesezeit, um eine ähnliche Wirkung zu erzielen. Prousts Manko ist für mich neben etlichen Längen sein im Vergleich zum "Malte" wesentlich unsympathischerer Ich-Erzähler, der doch sehr aufstiegsorientiert und zeitweise snobistisch wirkt und letzten Endes wie die meisten der von ihm Porträtierten nur zur Eigenliebe fähig ist, während "Malte" in die Großstadt hinabsteigt und eher bereit wäre, sich zu den Aussätzigen und Ausgestoßenen zu betten - man denke nur an die Szene mit dem Veitstänzer, für den er sein bisschen Kraft wie Geld zusammenlegen möchte ... Und schließlich: geht nicht auch von Abelone mehr Zauber aus als von Albertine?
Eine Rezension von B. Gutleben > Oberhausen
vom 28. Oktober 2009 | | | | | | | |
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